Der feine Unterschied.
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Normalerweise

Normalerweise ist bald Ostern

Ihr Lieben,
normalerweise hätte dieser Text schon längst erscheinen sollen… Doch er durfte nicht. Ich hab es ihm nicht erlaubt. Warum? Wegen der Wellen… Aber von vorn:

Es ist Samstag vor einer Woche. Gerade hat sich ein Schreib-Fenster für mich geöffnet, weil der Mann mit beiden Kindern in den Wald abgedampft ist… Ich kann mein kleines Glück kaum fassen & husche *tipptipptipp* schnell ins Arbeitszimmer hinauf. 

draussen mit den Kindern

Normalerweise wäre ich jetzt mit den anderen draussen. Aber normalerweise is grad nich. Und so sitze ich in meinem Büro, klappe ein wenig feierlich den Rechner auf und lasse selig die Finger über die Tastatur gleiten… Sooooo schön! Und noch während ich diesen Moment genieße, noch während ich diese Zeilen schreibe, kippt es schon wieder… Das kleine Glück rauscht volle Kanne in den Keller und ich werde traurig: Was in aller Welt geht da draußen vor sich!

[…]

Oh. Hoppla. Die Sonne. Sie ist ums Haus gewandert und scheint nun fröhlich durch mein Bürofenster. Kitzelt mein Gesicht… Hmmmm. Schön ist das. Nachdem ich ein paar Augenblicke ihre Energie genossen habe, wandert mein Blick wieder auf den Rechner… Boah! Was in aller Welt schreib ich hier eigentlich für einen Scheiss zusammen?! Vor wenigen Minuten noch genau SO, finde ich meine Worte nun unpassend… Und das geht seit Tagen so. Ständig öffnen sich hier neue Räume. Neue Zeit-Räume. Neue Gedanken-Räume. Neue Gefühls-Räume…. Und ich hock mittendrin & weiss nicht recht… Kenn mich nicht mehr aus in mir. Versuche, mich langsam durch diese Tage zu tasten – und stolpere dabei immer wieder. Über meine Gedanken. Meine Gefühle. Mein Ich… Und dann kommt der Moment, wo ich ganz plötzlich keinen Bock mehr hab und trotzig nach meinem alten Leben rufe! … und gleichzeitig weiß ich, dass das jetzt nicht geht. Und dann, wenn ich gerade verzweifeln will, wird es auf einmal wieder schön…

Normalerweise ist bald Ostern

Wie letzten Samstag:

Der letzte Samstag war für uns als Familie der erste, der so ganz anders war… Und wir alle wussten nicht so recht. Also haben wir erst einmal echt lange gefrühstückt. Viel länger als normalerweise. Und den gedeckten Tisch dann einfach stehenlassen… So wie sonst nie normalerweise. Und ich, ich habe mich  mit dem Baby einfach nochmal ins Bett gekuschelt und geschlafen. Und die Jungs sind im Spielezimmer unter einem riesigen Berg Lego verschwunden. Und als das Baby und ich wieder wach waren, haben wir sie da rausgeholt und es gab für alle einfach nochmal Frühstück. Und dann haben wir überlegt, was jetzt ist und sind einfach mal raus gegangen. Köpfe auslüften. Und zuerst habe ich ein wenig gemault, weil es plötzlich nochmal so kalt war & ich doch eigentlich schon Frühlingslaune hatte. Doch dann tat diese klare kalte Schnee-Luft uns allen so gut, dass ich vorschlug, eine größere Runde als geplant zu gehen… Und was soll ich sagen – die anderen waren ohne Gemecker dabei. Einfach so. Und überhaupt waren alle irgendwie ein wenig netter zueinander als normalerweise. Hand in Hand. Schön war das. 

Hand in Hand

Und später dann, als wir schon ziemlich lange gelaufen und fast wieder daheim waren, da entwickelte sich eine interessante Diskussion darüber, was man denn nun essen könnte. Und normalerweise bin ich schnell genervt von solchen Diskussionen. Weil wir oft ergebnislos & nörgelig auseinandergehen. Uns nicht einigen können… Letzten Samstag war das aber irgendwie anders. Jeder hat überlegt und laut aufgezählt, was daheim noch so da ist und/oder gesehen wurde… Und dann standen wir tatsächlich alle zusammen in der Küche und haben ein Essen gekocht, welches es normalerweise nicht bei uns gibt. Schön war das.

[…]

Aber – hätten wir all das normalerweise auch getan? Hätten wir uns so viel Zeit (füreinander) genommen?! Zum gemeinsamen Spazierengehen? Zum gemeinsamen Kochen? Zum gemeinsamen Spielen? Und Kuscheln? Wären wir normalerweise nicht eher durch die Bude gehetzt? Hätten geputzt und gewaschen? Eingekauft? Gearbeitet? Auf Regeln gepocht? Über sinnlosen Quatsch diskutiert & den Tag einmal mehr irgendwie aneinander vorbei erlebt? 

Ich, nachdenklich vor unserem Haus.

Versteht mich nicht falsch – ich will die aktuelle Situation nicht schön reden. Das da draussen ist ernst. Und für viele von uns bedrohlich. Und glaubt mir, auch hier fliegen die Fetzen. Weil wir alle zusammen & jeder für sich an Grenzen kommen, die wir so noch nicht kannten. Und da sie für die anderen unsichtbar sind, passiert es eben, dass die dann drüberlatschen. Nicht mit Absicht, nicht aus Boshaftigkeit. Sie wissen es einfach (noch) nicht besser… Und schaue ich mich so in den sozialen Medien um, dann habe ich hinter all dem *Hochglanztoll* das Gefühl, wir alle hangeln uns irgendwie durch diese Tage. Zurückgeworfen auf uns selbst. Haben gute Momente und schlechte Momente. Hören unsere innere Stimme manchmal nicht, weil sie so leise geworden ist. Und merken dann, dass wir „drüber“ sind. Mal dünnheutiger, sensibler, verletzlicher. Mal wütend. Mal ängstlich… Und dann geben wir uns Mühe, es besser zu machen. Und sie überrollen uns wieder. Die Gedanken & Gefühle. Kommen in Wellen (danke Claudi von wasfürmich für dieses Bild)… Mal Unsicherheit, dann Angst, dann wieder Dankbarkeit – und ab und an auch ein kleines Glück. Und wir schauen uns unsicher um und fragen uns, ob wir das dürfen. Glücklich sein… 

Ich frage mich das auch, während ich hier sitze. Und schreibe. und glücklich bin. Und spüre sie schon anrollen. Die nächste Welle… Doch, wenn wir uns erlauben könnten, dass das, was da gerade mit uns und in uns passiert neu, anders und herausfordernd sein darf, dann könnten wir aufhören, dagegen anzukämpfen und ruhig werden und uns den nächsten Schritt überlegen. Wir könnten gelassen unseren Kompass neu ausrichten und für uns klären, wie wir diese Gefühls-und-Gedanken-Wellen reiten wollen… Damit sie uns nicht mitreißen. Und wir Gefahr laufen, zu ertrinken… Denn das hier, das sind einfach mal keine „Normalerweise-Zeiten“. Und deshalb ist es mutig, wichtig & richtig, auch nicht so zu sein wie normalerweise… Also lasst uns die Herzen öffnen. Den Blick weiten. Und bewusst annehmen, was da so kommt: Die Unsicherheit, nicht zu wissen, was morgen ist. Die Angst um uns und unsere Lieben. Die Überforderung, die diese soziale Isolation mit sich bringt. Aber auch das kleine Glück, wo immer es sich uns zeigt…

Teilen macht glücklich:

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