Der feine Unterschied.
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Depression: So war es…

Hawaiiliebe

„Anja, wie war das eigentlich bei Dir?“

Ganz oft wird mir diese Frage bezüglich der Depression gestellt…  

Und heute möchte ich darauf antworten – mit einer Schilderung… und ganz bewusst HIER. Auf dem Blog. Weil es mich so sehr schmerzt, wenn ich höre, dass Betroffene sich noch immer schämen… Weil ich hoffe, dass durch meine Geschichte Verbundenheit entstehen kann, vielleicht auch Hoffnung, … Und weil ich möchte, dass dieses gesellschaftliche Tabu (ja, es ist noch immer so…) MEIN Gesicht bekommt. 

Ich weiss noch, wie „der Blitz einschlug“ in mir (ja, so fühlte sich der Zusammenbruch an…) Wie immer geisterte ich durch die Nacht, konnte nicht schlafen. Gepeinigt von wirren wilden Gedankenschleifen drehte sich mein ganzes Sein im Kreis. Schneller und schneller und schneller. Ich weiss noch, da war irgendwann diese Übelkeit, dann Panik, … und irgendwann lag ich weinend auf dem Boden. Konnte mich nicht mehr bewegen…

Hausarzt, Psychiater, Diagnose…

Depression Erfahrung

Wie durch einen Nebel nahm ich wahr, was da eigentlich los war. Ich hörte Worte von Menschen, sah besorgte Gesichter, … aber es regte sich NICHTS in mir… Kein Gefühl. NICHT EINS! Und dann krabbelte mein Sohn auf meinen Schoß. Er war damals zwei Jahre alt und intuitiv legte er seinen Kopf an meine Brust… Und da konnte ich diese Verbindung spüren. Ja, ein Band, das nicht nur in diesem Moment, sondern die ganze lange Zeit über da war… Dieser kleine Mensch schaffte es tatsächlich, durch diesen Nebel zu mir durchzukommen…

Mein Mann nahm wahr, dass unserem Kind etwas gelang, was Keinem anderen möglich war. Daher war das Thema „Klinik“ erledigt. Ich blieb zuhause… Und ja, aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass dies FÜR MICH der richtige Weg war. Und gleichzeitig möchte ich betonen, dass dies immer persönliche Entscheidungen sind… In Absprache mit Ärzten, mit der Familie und auch in Rücksprache mit Dir selbst…

Bei mir war es einfach so, dass mein Partner in dieser Phase ganz nah an mir dran war… Und es dabei irgendwie schaffte, seine eigenen Ressourcen im Blick zu behalten. Er war bei den Arztbesuchen dabei, regelte alles, um so oft wie möglich im Homeoffice zu arbeiten und akzeptierte gleichzeitig mein Sein in dieser Phase…

Er war da und ließ mich…

Das war wichtig, denn meine Energie war sehr sehr begrenzt. Auch mit meinem Sohn konnte ich nur kleine Zeitfenster verbringen… Danach „ging das Licht wieder aus“. Ich war dann unendlich müde, konnte Gesprächsinhalten nur noch mit größter Anstrengung folgen und empfand es regelrecht als schmerzhaft, wenn es zu laut um mich herum wurde… Ich verkroch mich dann in mir selbst…

Mein Mann hatte im Blick, dass es so war und wann es so war… Immer. Und er begann, mir eine feste Routine zu „bauen“, die immer gleich ablief und mir wichtige Momente des Tages mit meinem Kind ermöglichte: Morgens kuscheln, anziehen… Abends gemeinsam essen, waschen, bettfertig machen, vorlesen… Zeit mit Körperkontakt…

Und alles dazwischen wurde von der Familie so organisiert, dass es dem Kleinen gut ging und ich „für mich“ war… Noch heute bin ich meiner Familie und der Familie meines Partners unendlich dankbar für ihre Unterstützung. Dafür, dass ich in einer Phase des tiefen tiefen Fallens so unglaublich aufgefangen wurde.

Wollte ich früher gern perfekt, das „pflegeleichte Kind“, „der Sonnenschein“ sein – während meiner Erkrankung hatte ich dafür keine Energie… Und dann zu spüren, dass ich geliebt werde – einfach so, auch wenn ich „kaputtgegangen“ bin (ja, so hab ich das damals wahrgenommen), wenn ich mich wie der größte Versager unter diesem Himmel fühle,… das hat wirklich geholfen.

Und so lernte ich Monat für Monat die Krankheit anzunehmen. Anzunehmen, dass es nun einmal so war… dass ich nun einmal so war… Nach und nach lösten sich die Widerstände – auch gegen mich selbst…

… und irgendwann kehrten die Gefühle zurück. Die Energie nahm zu. Ich begann, mich wieder zu spüren… Und musste gleichzeitig lernen, dass es genau an diesem Punkt noch einmal ganz ganz schwierig werden würde. Denn ich musste Dinge verändern… Mein „altes“ Leben quasi komplett überdenken…

Warum?

Nun, hätte ich dort weitergemacht, wo ich rausgerissen worden war, hätte mich „my little monster“ ruckzuck wieder im Griff gehabt. Ich will ganz ehrlich sein: diese Phase war sehr sehr schmerzhaft für mich, denn sie hatte viel mit Abschied, mit Loslassen zu tun…

Noch wackelig und unsicher packte mein Mann mich & den Kleinen genau zu dieser Zeit in den Flieger. Wir hauten ab! Aber so richtig! Hawaii,…
Ich weiß nicht, wie lange und oft ich da am Strand saß,… weiß nicht, was genau es war,… Doch dort, an diesem magischen Ort, kam eine so unbändige Lust aufs Leben in mir auf…

Und so flog ich mutig und mit offenem Herzen wieder nach Hause… und sagte für immer „Ja“… zum Leben und einem wunderbaren Mann… 

Hochzeit

Tja, und kurze Zeit später wurde auch dieses Blog „geboren“… Denn nach allem, was ich erlebt habe, ist es genau diese Lust am Leben, die ich nie wieder verlieren möchte… dieses Gefühl, lebendig zu sein,… Und ich möchte Euch alle da draußen damit anstecken!

LEBEN IST ANSTECKEND!

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6 Kommentare

  1. Nicole sagt

    Liebe Anja,

    herzlichen Dank fürs Teilen und Deine Offenheit. Das macht sicher vielen Menschen Mut. Worte können immer nur an der Oberfläche der eigentlichen Ereignisse kratzen. Daher ahne ich, wie schwer und schlimm es wirklich für Dich gewesen sein muss. Denn auch ich war einst ganz unten (wortwörtlich), kenne diese Zustände bis zum Zusammenbruch. Wenn gar nichts mehr geht. Und ich weiß darum, wie unendlich viel Kraft es kostet, sich wieder ins Leben zurück zu kämpfen. In ein besseres Leben.
    Seien wir trotz allem Dankbar für diese Erfahrungen, wie höllisch schmerzhaft sie auch waren, denn sie haben uns zu denen gemacht, die wir heute sind.
    Danke noch einmal. Und alles Liebe.

    Nicole

  2. Steffi sagt

    Danke Anja, ich finde mich ganz oft in deinen Schilderungen wieder. Und auch bei uns steht eine Reise bevor. Ich hoffe die kann das gleiche in mir bewirken.

    • Anja
      Anja sagt

      Liebe Steffi,

      ich wünsche Dir von Herzen alles Gute… und eine wunderbare Reiseerfahrung.

      Anja

  3. Liebe Anja,
    was für ein wundervoller Text! Es tut sehr zu lesen, mit wie viel Durchhaltevermögen du den Weg raus aus der Krankheit gefunden hast und wie toll dein Mann dich unterstützt hat, ohne sich selbst aus den Augen zu verlieren. Super, dass dein Sohn es geschafft hat, eine Verbindung zu finden, wo sonst niemand durch kam.
    Bei mir schafft das nur Mina und ich bin ihr in allen schwachen und dunklen Momenten sehr dankbar, wenn das Fellknäuel sich an mich kuschelt und mir Nähe schenkt.
    Liebe Grüße, Frauke

    • Anja
      Anja sagt

      Ach Frauke, Du Herz,

      ich mag Deine Art einfach so sehr… wie liebevoll Du mit Worten umgehst und wie Du Dich von Herzen mit anderen freuen kannst. Ich bin so dankbar, dass ich Dich in diesem Internet getroffen habe…

      Ich drück Dich!
      Anja

  4. Sabine Kuhnhardt sagt

    Hallo Anja, dass hast Du sehr schön geschrieben. Leider geht es mir auch nicht anders. Die Depression kommt ganz plötzlich, u und ich würde mich am liebsten irgendwo verstecken und nicht mehr raus kommen. Zum Glück habe ich auch eine liebe Familie und Enkelkinder. Natürlich auch ganz liebe Freunde. Diese Kriese geht meistens 3 Tage.

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