Der feine Unterschied.
Kommentare 5

Allein mit mir

Allein mit mir

Ich bin gerade viel allein mit mir. Gewünscht und gewollt.

Alleinsein. Für mich ist das mittlerweile ganz normal. Wie Zähneputzen… Wer mich kennt, weiß das auch. Oder merkt es auch oft einfach. Ich ziehe mich dann aus allem raus und bin schwer bis gar nicht zu erreichen.

Alleinsein. Fühlt sich komisch an für dich? Ja, kann ich verstehen… Das höre ich oft. Und glaub mir, auch für mich ist das kein Zustand reiner Glückseligkeit. Eher mal so, mal so. Mal schmerzhaft, mal schön. In diesen Tagen ist es eher schmerzhaft. Denn es geht aktuell viel um Abschied, um Loslassen und um Neuausrichtung. Immer noch. Und ich stelle fest, dass Dinge immer noch wehtun, dass in eigentlich „normalen“ Situationen plötzlich Widerstände auftauchen, alte Ängste aus ihrem Versteck krabbeln. Und das ist nicht schön. Und es wächst die Versuchung, mich ins Außen zu flüchten… Unterhaltung und Ablenkung zu suchen. Wegzudrücken, was eigentlich angeschaut werden will. Warum ich das nicht mache? Mir das trotzdem „antue“? Der Reihe nach.

Neuanfang?

Nachdem mir mein Leben 2014/2015 eine Auszeit verpasst hat, war klar, dass es nicht weitergehen konnte wie bisher. Dass die Rückkehr zur Tagesordnung vielleicht der einfachere, aber mit Sicherheit nicht der gesündere Weg sein würde. Das Problem an der ganzen Sache: Ich mochte mein „altes“ Leben eigentlich ganz gern. Nur leider hatte es mich krank gemacht. Und so stand ich da und fühlte mich ein wenig verarscht. Von diesem Leben.

Was sollte ich tun? Weitermachen war keine Option. Doch für einen Neuanfang fehlte mir (noch) die Kraft. Gefährliche Situation in meiner Situation. Denn was ich brauchte war Stabilität. Und die fand ich im Außen so ganz und gar nicht (mehr)… Im Gegenteil. Ich hatte das Gefühl, die einen schauten mich etwas mitleidig an und die anderen erwarteten, dass jetzt langsam mal gut ist und die „alte Anja“ wieder loslegt.

Hallo Achtsamkeit!

Genau in dieser Phase begann ich meine Ausbildung zur Achtsamkeitstrainerin. Und traf auf wunderbare Menschen, die mich so nahmen wie ich war. Die mir Zeit gaben und mich lehrten, meinem Anfängergeist wieder eine Chance zu geben… „Richtig“ und „falsch“ spielten plötzlich keine Rolle mehr. Was ich beruflich tat oder wieviel Geld ich verdiente, interessierte nicht. Auch dieses „nicht zu wissen was kommt“ war völlig in Ordnung. Ängste, Wut und Trauer auch… Ich lernte so viel in dieser Zeit. Nicht aus Büchern, eher aus dem eigenen Erleben heraus. Doch der Anfang war DER HAMMER! Zeiten der Stille aushalten? Mich aushalten? …

Kann ich das aushalten?

Woahhhh, ich weiß noch genau wie das war. Meine erste Zeit in Stille. Am liebsten hätte ich damals eine Ausrede gehabt, um da nicht mitmachen zu müssen. Es war während der Ausbildung. Wir waren im Seminarhaus. Einfache Zimmer. Ein Tisch, ein Bett, ein Regal. Und vor mir lagen knapp 24 Stunden in Stille… Erst Abendessen in Stille. Dann ein ganzer Abend. Eine ganze Nacht. Und dann der darauffolgende Tag bis zum Abend. Stille. Meditationen. Mehr nicht.

Und was soll ich sagen: Diese Erfahrung war ein Geschenk! Also nicht von Anfang an… Oohhhh nein. Als es losging, wäre ich am liebsten abgehauen. Ins Kino gegangen oder so… Ich war unruhig, schlecht gelaunt, fühlte mich einsam und ÜBERHAUPT nicht wohl… Und ging erst einmal eine Runde spazieren. Eine gaaaanz laaange Runde… Doch irgendwann musste ich zurück ins Zimmer (kalt dunkel, müde) und legte mich schnell ins Bett, in der Hoffnung, einfach einzuschlafen. Aber nix war. Von wegen Stille… 

Hallo Anja!

Sagen wir mal so: Es wurde eine lange Nacht. Eine Art erstes Date mit mir selbst. Und was & wen ich da so kennenlernte, war nicht nur schön. Nicht nur *friedefreudeeierkuchen*. Und trotzdem. Als die Stille am nächsten Abend aufgehoben wurde, war ich traurig. Weil ich wusste, dass da etwas Besonderes angefangen hatte. Und ich mir gleichzeitig nicht sicher war, wann ich mir das nächste Mal diese „Zeit für mich“ nehmen würde…

Die Ausbildung dauerte insgesamt eineinhalb Jahre. Eineinhalb Jahre, in denen ich lernte, Zeiten der Stille ganz selbstverständlich in meinen Alltag einzubauen – auch, wenn mir mein Kopf 1000 Ideen liefert, was man denn sonst so machen könnte 😉 Und so kam es, dass ich diese Stabilität, nach der ich die ganze Zeit so sehr im Außen gesucht hatte, heute in mir selbst finde… Die Zeit allein mit mir gibt mir die Kraft, auch in schwierigen Situationen mit Ruhe und Gelassenheit Entscheidungen zu treffen, die zu mir passen. Meiner inneren Stimme Raum zu geben und nicht immer auf den erstbesten Gedanken zu hören. Meine Grenzen abzustecken. Erlebnisse einzuordnen und zu bearbeiten.

Eben die Balance in diesem schnellen, bunten Leben zu halten…

Share on FacebookTweet about this on TwitterEmail this to someonePrint this page

5 Kommentare

  1. Hallo Anja,
    wow, was für ein toller Text!
    Ja, Stille ist nicht so leicht auszuhalten. Wir sind in der heutigen Zeit sehr auf Schnelle, Reizüberflutung und Ablenkung getrimmt, dass wir ganz verlernt haben, alleine mit uns klar zu kommen.
    Wie schön ist es da zu lesen ist, dass du es geschafft hast und die Stille mit dir besser aushalten kannst.
    Viele Grüße von Tanja

    Ps: Achtsamkeitstrainerin hört sich interessant an. Verrätst du mir, wo du diese Ausbildung gemacht hast?

    • Anja
      Anja sagt

      Liebe Tanja,
      Ich danke Dir von Herzen für Deinen lieben Kommentar… und dennoch möchte ich gern sagen: Es ist nicht so, dass ich angekommen wäre in einem Leben voller Achtsamkeit. In einem Leben, in dem ALLES „läuft“… ohne Zweifel, ohne Herausforderungen, ohne Schmerz… Vielmehr ist es ein Weg, den ich heute anders gehe. Bewußter. Mit Kontakt zu mir & dem , was mir wichtig ist. Und mit dem Wissen, dass es nicht darum geht, anderen zu gefallen, sondern mir. Und auch darum, ab und an NEIN sagen zu können…

      Und es ist eben diese Freiheit, die gelassener macht …
      Was die Ausbildung zur Achtsamkeitstrainerin angeht, so kann ich sagen, dass ich mich beim DFME, also dort, wo ich meine Ausbildung gemacht habe, sehr wohl gefühlt habe… anderthalb Jahre Ausbildung. Fundiert, mit wunderbaren Menschen und einem Umfeld zum Wachsen und Lernen <3

      Komme gern auf mich zu, wenn Du mehr wissen magst...
      Von Herzen
      Anja

  2. Kat sagt

    …schön von dir zu lesen. Denke in letzter Zeit oft an dich, eben weil aus deiner Richtung momentan nichts als Stille kommt…hoffe es geht dir gut!

  3. Yvonne sagt

    Liebe Anja, ich bin momentan auch am liebsten mit mir selbst alleine. Das mit der Stille gelingt mir allerdings nicht ganz so. Danke fürs teilen. Ganz liebe Grüße, Yvonne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.